Stillende Mütter oder der öffentliche Raum als Wohnzimmer
Mittwoch, August 15, 2007 at 15:33 Mütter wollen in Restaurants ihre Babies stillen. Teenager wollen im Zug laute Musik hören während Intellektuelle genau dort in Ruhe ihr Buch lesen wollen. Hundhalter wollen ihre Hunde frei herum laufen lassen, denn diese sind ja so lieb und tun niemandem was. Adrett gekleidete Geschäftsleute wollen Ihre Füsse auf dem Sitz gegenüber lagern und Rücksacktouristen in Ruhe schlafen.
Warum nur, denken so viele, dass sie den öffentlichen Raum für sich in Beschlag nehmen dürfen, als handelte es sich dabei um ihr eigenes Wohnzimmer?
Andreas Von Gunten | tagged
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Öffentlicher Raum 







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Ich finde den Vergleich zwischen stillenden Müttern und lärmenden Teenagern und dann noch Hundehaltern ziemlich daneben. Ja, ganz deiner Meinung, eine Frau sollte nicht gerade inmitten eines vollen Restaurants die Brust auf den Tisch legen und allen zur Schau stellen (der Intellektuelle könnte sich dann schliesslich nicht mehr konzentrieren bei dem Anblick wunderschön prall gefüllter und wohl geformter Brüste…).
Wenn sie sich jedoch in eine Ecke setzt oder ein Tuch über das kleine Wesen und die Brust legt, so dass es nicht mal zu bemerken ist, sehe ich absolut nicht, was das Problem sein sollte. Und ich bin noch keiner Frau begegnet, die das Stillen absichtlich zur öffentlichen Show erklärt hat.
Einerseits plädiert ihr Männer dafür, dass wir uns nicht zuhause verschanzen, dass wir flexibel sind, dass wir weiterleben sollen wie bisher – aber dass ein Neugeborenes alle 2-3 Stunden Hunger hat, das scheint euch aus dem Sinn gefallen zu sein. Sollen wir etwa alle 2-3 Stunden nach Hause rennen, nur um 10 Minuten unser Kind zu stillen? Dann schafft uns stillenden Müttern einen Platz im öffentlichen Raum, wo wir stillen können – eine klitzekleine Ecke mit einem Stuhl oder einen Platz in einer Nische. Ich jedenfalls setze mich nicht auf eine stinkende Toilette, um dort 10 Minuten zu verbringen.
Stillende Mütter machen wenigstens keinen Lärm, sie grölen weder rum noch rauchen sie Joints morgens um 7 im Zug, in dem alle anderen zur Arbeit fahren. Die stillenden Mütter beissen auch keine Kinder tot, jagen keine Jogger davon und sind auch nicht im Geringsten daran interessiert, die Intellektuellen von Ihrer Wissenschaft abzulenken.
Liebe Grüsse, Julia
PS: Alle kinderlosen sollten sich freuen, dass wieder so vermehrt gestillt wird, das hält nämlich:
a) langfristig gesehen die Gesundheitskosten niedrig
b) verringert die Krankheiten und das Allergierisiko im ersten und auch weiteren Lebensjahren um einen Haufen Prozentpunkte
c) dies wiederum hat zur Konsequenz, dass stillende, arbeitende Mütter weniger aufgrund Krankheiten des Neugeborenen zuhause bleiben müssen
d) sich das positiv auf die Produktivität des Betriebes auswirkt, in dem sie arbeitet ;)
Mir ging es hier darum, zu Bedenken zu geben, dass im öffentlichen Raum, nicht jeder für sich in Anspruch nehmen kann, dasselbe tun zu können wie zu Hause.
Der öffentliche Raum ist nun einmal nicht der private Raum, darum heisst er ja eben "öffentlich".
Das bedeutet, dass jeder Mensch der sich im öffentlichen Raum befindet damit rechnen muss, dass seine Interessen mit denen eines anderen, der sich auch dort befindet, zusammenprallen.
Diese beiden Interessen sind, solange sie nicht gegen unsere gemeinsamen Werte verstossen, absolut gleichwertig und müssen im Konfliktfall miteinander in Einklang gebracht werden.
Keiner kann für sich beanspruchen, dass seine Interessen "besser" sind, als die seiner Mitmenschen.
Wenn ich lesen will und ein anderer Mensch in der Nähe Musik hören will, dann ist es nicht so, dass das Lesen besser wäre als das "Musik höhren."
Wenn eine Mutter stillen will und sich nun jemand der am Tisch deneben sitzt, deswegen gestört fühlt (was bei mir übrigens in den meisten Situationen nicht der Fall ist), dann ist das Interesse der Mutter zu stillen nicht höher zu Werten, als das Interesse des Tischnachbars.
Beide Ideen sind legitim und es gilt für beide aufeinander Rücksicht zu nehmen und den Interessenkonflikt kontextabhänging und im Dialog zu lösen.
Es mag sein, dass im Lakeside falsch gehandelt wurde, und ich kann den Frust, ja die Wut der betroffenen Mutter nachvollziehen.
Trotzdem sollte man nun nicht einfach hingehen und das Recht verlangen, dass Mütter immer und überall Stillen können.
Wenn jeder sein persönliches Interesse im öffentlichen Raum mit diesem Absolutheitsanspruch durchsetzen will, dann funktioniert unsere Kultur des zivilisierten Zusammenlebens nicht.
Ich bin sicher, dass sich immer irgendwo in der Nähe ein ruhiger und wenig exponierter Platz findet, der es einer Mutter ermöglicht, ihr Kind zu stillen, ohne dass sie gleich nach Hause muss.
Also, nichts gegen das Stillen, nichts gegen stillende Mütter, auch nichts Grundsätzliches gegen stillende Mütter im öffentlichen Raum, sondern einzig gegen den Anspruch immer und überall und ohne Rücksicht auf den öffentlichen Raum, Stillen zu dürfen.
Auch ich fand die Reaktion der stillenden Mütter dort nun auf diese Art und Weise Protest einzulegen etwas kindisch, und ich wäre wahrscheinlich nicht mit von der Partie gewesen, sondern hätte das auf eine andere Art und Weise gelöst.
Trotzdem bin ich der Meinung, dass deine Bedenken zum öffentlichen Raum in diesem Fall im Vergleich mit den anderen Gruppen die du in deinem Denkanstoss ansprichst, einfach nicht verheben. Weil – wie auch immer – Stillen immer noch etwas anderes ist als Füsse hochlegen, laut Musik zu hören oder Hunde nicht anzuleinen.
Hilf mir, ich weiss auf die Schnelle nicht, was das nun mit den stillenden Müttern zu tun hat, aber irgendwie stimmen die Relationen nicht. Vielleicht ist das eine andere Diskussion.
Du bist nicht die Einzige, die mich auf das Raucherthema aufmerksamgemacht hat. Ich habe dazu auch noch ein Mail erhalten, heute früh.
Ich mache hier in der Tat keinen grossen Unterschied. Ich will weder Rauchverbote noch Stillverbote.
Gleichzeitig, bin ich aber der Meinung, dass weder die Rauchenden noch die Stillenden für sich als Selbstverständlichkeit einfordern dürfen, "es" immer und überall zu tun, als ob die anderen Menschen, nicht da wären.
Natürlich gibt es zwischen dem Stillen und dem Musik hören, viele und erhebliche Unterschiede.
Im Potential, dass ein anderer Mensch sich deswegen gestört fühlt, aber nicht. Da besteht kein Unterschied. Es ist egal, was den anderen stört.
Oder anders gesagt: Das Recht sich an einer Handlung eines anderen Menschen im öffentlichen Raum zu stören, ist genauso stark zu gewichten, wie das Recht diese Handlung durchführen zu dürfen. Um welche Handlung es sich handelt ist dabei völlig egal.
Öffentlicher Raum = Raum, welchen mehrere Menschen miteinander teilen und darum aufeinander Rücksicht nehmen müssen. Immer von Neuem, immer kontextabhängig.
Das heisst, manchmal ist das Stillen für die anderen Anwesenden okay und manchmal nicht. Was noch nicht bedeutet, dass im zweiten Fall nicht gestillt werden darf. Aber es bedeutet, dass man entsprechen Rücksicht nimmt. Wie beim Rauchen, beim Musik hören und beim Füsse hochlegen.
Ich glaube, wir sind gar nicht soweit voneinander entfernt.
Noch kurz eine Bemerkung zu a.p. marini:
Ich habe mich weder an der stillenden Mutter gestört, noch möchte ich irgendwas verbieten. Mein Einwand geht in eine andere Richtung und in dem Sinne sind meine Antworten an Julia auch Antworten auf Deine Kommentare.
Liebe Grüsse
voni
Andererseits hat a.p. marini in einigen Punkten Recht: gegessen werden muss nun mal und ist das Natürlichste der Welt.
Jetzt ist mir nur noch eine Frage in den Sinn gekommen (und dann haben wir das Thema erledigt): Was genau denkst du denn stört einige Leute am Stillen in der Öffentlichkeit? (die Anspruch-Diskussion mal auf die Seite gelegt)
Eben, bei allen angesprochenen Gruppen kann ichs nachvollziehen, aber bei den stillenden Frauen versteh ichs eigentlich nicht. Scham?
PS: Die Raucher-Mail würde mich denn dann noch interessieren