Andreas Von Gunten

Ich mag Bücher und das Internet. Deshalb versuche ich derzeit mit «buch & netz», einem Buch & Online Verlag, zu zeigen, dass es sinnvoll ist, Bücher unter einer Creative Commons Lizenz ins Web zu publizieren und diese gleichzeitig in allen anderen Formaten, die sich die Lesenden wünschen, anzubieten; ja auch gedruckt. Vorher habe ich PARX, mediaparX und Partekk mit-gegründet, und war zuletzt als Geschäftsführer bei Blogwerk im Einsatz. Zwischendurch werde ich eingeladen, um zu Cloud Computing, Social CRM, Content Marketing, Creative Commons, Free Culture oder den Wandel im Buchmarkt zu sprechen und zu diskutieren. Ich bin leidenschaftlich verzettelt, Mitglied der Piratenpartei, studiere Philosophie an der Open University, habe wohl eine Disposition zum Messie, bin davon überzeugt, dass wir dazu verplichtet sind Empathiefähigkeit und kritisches Denken zu trainieren, und finde dass das Leben zu kurz ist, um offline zu sein.

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Dienstag
Nov232010

Bald keine neuen redaktionellen Websites mehr?

Ausschnitt Tages Anzeiger vom 23.11.2010 (S.45)Diese SDA Meldung, heute zufälligerweise im Tagi gefunden, hat meine Aufmerksamkeit beansprucht. Es seien kaum noch Neueintritte in den Markt für redaktionelle Online Medien möglich, heisst da am Schluss.

Das ist natürlich starker Tobak, und es verwundert nicht, dass eine solche Pressemitteilung, die einzig der Ankurbelung des Verkaufs einer teuren Marktstudie dient, von den sogenannten Qualitätsmedien verbreitet wird.

Bei dieser Mediareports Prognos “Studie” handelt es sich um einen typischen Business Report, der teuer verkauft wird und nicht etwa um eine wissenschaftliche Arbeit, deren Aussagen und Annahmen von einer kritischen Öffentlichkeit überprüft werden könnten.

Da ich natürlich nicht bereit bin, mehr als 4000 CHF auszugeben um zu verstehen, was an den Aussagen dran ist, belasse ich es damit, zu behaupten, dass da sehr wahrscheinlich Bullshit drin steht. Vordigitale Massenmedien-Denke unter nicht Berücksichtigung des “Long Tails” lautet meine vorläufige Ferndiagnose.

 

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Reader Comments (2)

Ich erlaube mir da ein paar Anmerkungen, weil ich selber recht lange in der Medienbranche tätig war. Die Bezeichnung Bullshit ist recht hart gewählt – ich gehe jedoch mit Dir einig, dass 4000 Franken eine Menge Kohle sind für Erkenntnisse, auf die man bei nüchterner Betrachtung fast von selbst kommt.

Die Sache mit den "kaum noch möglichen Neueintritten" stimmt wohl so. Nur war das eben in der Medienbranche die letzten Jahrzehnte nie anders – auch damals, als sich erst ein paar Freaks im Web tummelten. Eine der wenigen erfolgreichen Lancierungen in der Schweizer Medienbranche war die Sonntagszeitung, vor über 20 Jahren. Und die schrieb zuerst einmal zehn Jahre rote Zahlen. Das ist die normale Realität in jedem gesättigten Markt: Neueintritte sind immer möglich, aber es braucht sehr, sehr viel finanzielle Power. Wers aber schafft, wird zuweilen reich belohnt (die SZ war im zweiten Jahrzehnt eine Goldgrube für die Tamedia).

Gruner + Jahr in Deutschland lanciert übrigens jedes Jahr fünf neue Printtitel – mit der Begründung, es brauche mindestens fünf Neulancierungen damit EINE davon langfristig überleben kann. Michael Ringier meinte mal, das Verrückte an der Medienbranche sei, dass sich Produkte niemals in einer F&E-Abteilung entwickeln lassen, sondern immer erst am Markt entwickelt werden, unter gestrenger Aufsicht der Öffentlichkeit und unter süffisanter Begleitung der Mitberwerber.

Was mir aber am Kurztext zur Studie zusätzlich auffällt (und in der TA-Meldung geflissentlich nicht erwähnt wird), ist das Bekenntnis zur Qualität – aber auch das ist nichts wirklich neues. Auch hier lernt die Medienbranche eine recht einfache und brutale Regel, welche andere Branchen längst kennen: Qualität ist streng betriebswirtschaftlich gesehen Unsinn, weil von der Mehrheit der Käufer gar nicht gefordert oder honoriert. Qualität hat nur in Nischen Platz, wird da aber auch bezahlt. Auch hier gehts eigentlich nur um die Anpassung an normale Marktmechanismen, denen jeder Restaurantbesitzer ebenfalls unterworfen ist. Als Qualitätsliebhaber mag man es bedauern, aber es ist die Realität.

So bleibt der Kampf um die bezahlte Nische. Nur wollen eben alle dahin, und die Grösse des Kuchens ist begrenzt, ein Ende des Wachstums wohl tatächlich absehbar. Das und nicht viel mehr dürfte dann wohl die Erkenntnis der Studie sein. Durchaus interessante Neulancierungen wie Journal21 dürfen einfach nicht Gegenstand seriöser Analysen sein! Journal21 ist ein Hobbyprojekt von mehrheitlich pensionierten (und guten) Journalisten. Aber die Sache hat mit einem durchgerechneten Businessmodell wohl wenig zu tun. Das muss man sich einfach bewusst sein, wenn man über Onlinemodelle diskutiert.

Bezogen auf *funktionierende* Geschäftsmodelle im Journalismus steht die Branche weiterhin vor schwierigen Zeiten. Das dürfte wohl die Aussage der Studie sein, die man für – in der Tat unverschämte – 4000 Franken verkaufen möchte.

Mittwoch, November 24, 2010 | Unregistered CommenterMatthias Walti

Danke für Deine Worte Matthias. Ich wollte Dir hier eigentlich schon lange mit einem separaten neuen Artikel zum Thema "Bullshit" antworten, habe es aber noch nicht geschafft. Darum hier schon mal einen Hinweis darauf. Ich halte es mit dem Begriff wie Harry G. Frankfurt, der in "On Bullshit" schön erklärt hat, was Bullshit ist. Wenn Du mal dazu kommst, ist sehr empfehlenswert, kurz und knackig und schnell gelesen. (Leider nicht online :-)

Mittwoch, Dezember 8, 2010 | Registered CommenterAndreas Von Gunten

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